Zählerstandsmeldung. Tarifwechsel. Umzugsmeldung. Störungsmeldung. Für Energieversorger sind das Routinevorgänge — aber für jeden einzelnen Kunden ist es ein Kontaktpunkt, bei dem er entweder eine gute oder eine frustrierende Erfahrung macht. Viele EVUs bearbeiten diese Anfragen noch immer per Telefon, E-Mail oder Formular auf einer statischen Website. Das kostet Zeit auf beiden Seiten und hinterlässt den Eindruck: hier ist man noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen.
Power Apps und Power Automate ermöglichen es, ein vollwertiges Self-Service-Kundenportal zu bauen — ohne ein teures CRM-Projekt aufzusetzen und ohne Monate auf eine externe Softwarefirma zu warten.
Was ein Kundenportal für EVUs leisten muss
Ein gutes Kundenportal für Energieversorger erfüllt drei Anforderungen:
1. Kunden können ihre häufigsten Anliegen selbst erledigen — rund um die Uhr. Zählerstandsmeldung, Tarifvergleich, Abschlagsanpassung, Umzugsmeldung: alles ohne Anruf, ohne Öffnungszeiten.
2. Die Daten landen direkt im richtigen System. Kein Mitarbeitender tippt Zählerstände ab. Kein PDF wandert per E-Mail ins Postfach. Neue Datensätze entstehen automatisch im ERP, in SharePoint oder in einer Power Apps-Datenbank.
3. Das Portal ist keine Einbahnstrasse. Kunden sehen ihren Verbrauch, ihre aktuellen Tarife und den Status offener Anfragen. Sie erhalten bei wichtigen Ereignissen (Wartung, Preisänderung, Störung) proaktiv eine Benachrichtigung.
Wie das Portal mit Power Platform funktioniert
Der Kern: eine Power Apps Canvas-App
Power Apps Canvas-Apps ermöglichen es, eine massgeschneiderte Benutzeroberfläche zu erstellen, die genau auf die Anforderungen eines EVU zugeschnitten ist. Die App verbindet sich direkt mit den Datenquellen des Unternehmens — sei das SharePoint, Dataverse, SAP IS-U via API oder eine andere Schnittstelle.
Typische Funktionen im EVU-Kundenportal:
- Zählerstandsmeldung: Kunde gibt Zählerstand ein, optional mit Foto. Power Automate überträgt den Wert ins ERP, schickt eine Bestätigungs-E-Mail und legt eine Aufgabe für die Rechnungsprüfung an.
- Tarifrechner: Kunde wählt seinen Verbrauchstyp und sieht sofort, welcher Tarif passt. Bei Interesse löst er einen Wechselantrag aus, der automatisch bearbeitet wird.
- Umzugsmeldung: Formular mit Umzugsdatum, alter und neuer Adresse. Power Automate koordiniert Zählerstandserfassung beim Auszug und Aktivierung beim Einzug — ohne manuelle Eingriffe.
- Störungsmeldung: Kunde beschreibt die Störung, wählt die betroffene Anlage aus der Liste seiner Objekte, lädt bei Bedarf ein Foto hoch. Ein Ticket entsteht automatisch im internen System, der Techniker wird benachrichtigt.
Die Steuerungslogik: Power Automate
Jede Kundenaktion im Portal löst einen strukturierten Prozess aus. Power Automate übernimmt dabei die Orchestrierung:
- Validierung: Ist die Kundennummer gültig? Stimmen Zähler-ID und Objekt überein?
- Weiterleitung: Anfrage wird dem richtigen internen Team zugewiesen — einfache Anfragen direkt ins ERP, komplexe Fälle in eine Teams-Queue für manuelle Bearbeitung.
- Bestätigung: Kunde erhält eine strukturierte Bestätigung mit Referenznummer und voraussichtlicher Bearbeitungszeit.
- Statusupdate: Wenn sich der Status ändert, bekommt der Kunde automatisch eine Rückmeldung.
Authentifizierung: Microsoft Entra ID (Azure AD)
Für ein Kundenportal, das echte Kundendaten zeigt, ist Authentifizierung Pflicht. Mit Microsoft Entra ID (ehemals Azure AD) können EVUs ein sicheres Login einrichten:
- B2C-Konfiguration ermöglicht es, Kunden ohne Microsoft-Konto zu registrieren
- Single Sign-On: wer bereits ein Microsoft-Konto hat, meldet sich ohne neues Passwort an
- Multi-Faktor-Authentifizierung schützt sensible Kundenanfragen (z.B. Kontodaten, Tarife)
Was Power Platform hier nicht ist: eine Universallösung
Ein Power Apps-Kundenportal eignet sich für EVUs mit bis zu einigen Zehntausend Kunden und überschaubarer Prozessvielfalt. Bei sehr hohem Transaktionsvolumen, komplexem ERP-Mapping oder strengen Latenz-Anforderungen in Echtzeit-Messsystemen (Smart Meter) braucht es eine differenziertere Architektur.
Für die meisten Stadtwerke und Regionalversorger in der Schweiz ist Power Platform jedoch genau richtig: flexibel, schnell deploybar und tief in das Microsoft-Ökosystem integriert, das viele EVUs bereits für interne Zwecke nutzen.
Typische Umsetzungsdauer und Kosten
Ein EVU-Kundenportal mit den vier Kernfunktionen (Zählerstand, Tarif, Umzug, Störung) lässt sich in 10–16 Wochen aufbauen:
| Phase | Dauer | Inhalt |
|---|---|---|
| Konzept & Architektur | 2–3 Wochen | Anforderungsaufnahme, Datenmodell, Integrationsplanung |
| Entwicklung Kernfunktionen | 5–7 Wochen | Canvas-App, Power Automate-Flows, Authentifizierung |
| ERP-Integration | 2–3 Wochen | API-Anbindung, Test, Fehlerbehandlung |
| Pilotbetrieb & Go-Live | 2–3 Wochen | Benutzer-Tests, Fehlerbehebung, Rollout |
Die Betriebskosten beschränken sich auf Microsoft-Lizenzen (Power Apps per-App oder per-User) und laufende Wartung — keine teuren Serverinfrastrukturen, kein proprietäres Lizenzmodell.
Fazit
Kunden erwarten heute Self-Service — auch von ihrem Energieversorger. Ein Power Apps-Kundenportal liefert das, ohne ein grosses CRM-Projekt zu starten. Es nutzt die Microsoft-Infrastruktur, die das EVU möglicherweise bereits besitzt, lässt sich schrittweise ausbauen und entlastet den Kundendienst messbar.
